Inside 1-3/16: Die innere und äußere Belastung


Wer schon lange dabei ist und seine Karriere noch mit Haken und Reimen auf dem Rennrad begonnen hat, der hat unzählige technische Neuerungen mitbekommen. Viele davon waren recht sinnvoll und auch ich möchte das nicht missen. Es gab allerdings auch viele Dinge, die einen möglicherweise mehr vom Ziel abbrachten als das es genützt hätte. Nicht zuletzt fällt mir da das Betriebssystem Windows ein, dass mir unzählige Arbeitsstunden eingebracht hat. In der Hoffnung, dass mir der Windows-PC das irgendwann in Form einer großen Zeitersparnis zurückgibt, bastelt man aber immer weiter. Ob es das wert war?

Zuletzt sah ich ein Video eines Sportwissenschaftlers, der seine Empfehlung zur Leistungsmessung preisgab. Die mobile Leistungsmessung am Rad ist nicht wirklich neu, gibt es seit etwa Beginn der 90er zu kaufen und wurde seitdem von immer mehr Profis benutzt. Leider waren die Geräte nur wahnsinnig teuer, erst seitdem das Patent vom Erfinder SRM ausgelaufen ist, fallen die Preise und es gibt viele neue Systeme.

Die Empfehlung des Kollegen war nun sinngemäß, sich so ein Gerät zu besorgen und ab sofort nur noch mit der Leistungsmessung und ohne Herzfrequenz zu trainieren! Zitat: „Im Falle eines Übertrainings oder Infekts…ist es schwierig sich am Puls zu orientieren.“ Genau dafür hat man den Pulsmesser, könnte man den Artikel abkürzen…..

Auch ich halte die Herzfrequenzmessung nicht für den heiligen Gral und im Endeffekt muss man auch die Frage stellen: Hat sich das Niveau durch die Herzfrequenzmessung verbessert? Zumindest im Laufen kann festgestellt werden, dass das Niveau in Deutschland wesentlich niedriger als vor 30 Jahren ist. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass die Möglichkeit der Ablenkungen heute einfach viel größer sind als in den 80ern oder noch früher. Damals gab es sonst nicht viel, dementsprechend kam auch seltener die Frage auf, ob man die Zeit nicht sinnvoller verbringen könnte als 6h lang zu radeln, danach zu essen und platt auf dem Sofa zu liegen.

Aber zurück zur Leistung, die wird nun also direkt am Rad gemessen und aufgezeichnet. Eine wunderbare Sache, aber nur wenn man gut mit Zahlen umgehen kann. Nicht zuletzt darauf baut auch mein demnächst beginnendes online-coaching auf, denn ich kann sehr gut mit Zahlen umgehen. Diese Begabung sagt mir aber auch: zusätzliche Sachen, zusätzliche Daten können einen ablenken, aber es spricht überhaupt nichts dagegen alles aufzuzeichnen, was machbar ist: Je mehr Daten, desto besser! Als Sporttherapeut in der Reha-Klinik habe ich Normalverbrauchern dennoch empfohlen, alle Werte außer Puls und Trittfrequenz am Fahrradergometer zu ignorieren. Diese beiden Werte beachtet, dann hat es gepasst mit der inneren Belastung, ob dabei 30,50 oder 70 Watt gefahren wurden, war in dem Moment egal, hätte aber zur Kontrolle der Trainingsfortschritte notiert werden können.

Die Leistung misst die äußere Belastung, die Herzfrequenz die innere Belastung, die Beanspruchung des Körpers. Und die kann sich bei gleichbleibender Leistung entscheidend erhöhen, oder, andersrum ausgedrückt, die Leistung kann bei gleichbleibender Beanspruchung deutlich fallen.

Deutlich nachlassende Leistung bei sogar zunehmender Beanspruchung, das kommt immer wieder mal vor und die Gründe dafür sind vielfältig:

Stages Powermeter vs. Garmin Herzfrequenz

1. Hälfte noch halbwegs normal gefahren

Stages Powermeter vs. Garmin Herzfrequenz

2. Hälfte dann ein Desaster

 

Wie hätte man in dem Fall verfahren sollen, ohne Pulmessung? Etwa die 200 Watt weiter treten? Sorry, war nicht möglich. Von vornherein nur 180 Watt vorgeben? Dann wäre ich deutlich untertourig losgefahren. Halb so lang fahren und dafür die Regeneration früher einleiten? Vielleicht, aber wer immer nur die Hälfte fährt bewegt sich nicht an der Grenze und kann dementsprechend nicht konkurrenzfähig sein. Möglicherweise hätte mich ein Liter Iso unterwegs auch weiter gebracht, der Glykogenmangel wäre später aufgetreten, die Leistung nicht so abgefallen und der Puls möglicherweise auch niedriger gewesen (aufgrund der besseren Hydratation). Vermutlich wäre der Puls aber noch höher gewesen. Vielleicht war ich auch zu Beginn schon platt, wobei so etwas in einer präzisen Trainingsdokumentation vermerkt sein sollte. Eventuell spielte auch der Nebel eine Rolle, da gibt es viele Möglichkeiten. Mit Pulsmessung kann ich spekulieren. ohne Pulsmessung kann ich nur spekulieren, ob denn der Puls hoch, tief oder normal war.

Seit 2004 trainiere ich mit Leistungsmessung und das war in meinem Training ein riesiger Schritt und hat mir jede Menge „leere Kilometer“ erspart. Dennoch, sinnvoller ist es, neben der tatsächlichen Belastung auch die Beanspruchung zu messen, das gilt insbesondere für Ironman-Wettkämpfe.

Angesichts von 3 anstehenden Ironman bedenklich

Bisher praktisch nichts trainiert…

 

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