Test: der Triathlon-Sattel Specialized Sitero Expert

Denk ich an Triathlon, denk ich an Ironman, denk ich an Schmerzen. Ja, in erster Line auf der Laufstrecke: Muskelschmerzen, Glykogenverarmung, was besonders wehtat, oft war ich auch dehydriert, manchmal Schulterschmerzen, ab und zu besondere Vorkommnisse wie ein gebrochener Zeh …
Was aber fast immer vorhanden war, waren diese verdammten Schmerzen auf dem Rad, die Sitzprobleme aufgrund der großen Sattelüberhöhung.

Manch einen plagen da Taubheitsgefühle, mein größtes Problem war eher, dass ich mich fast immer wund, ja, blutig gefahren habe. Das tut nicht nur weh, das kostet auch Zeit und Energie, denn man rutscht ständig hin und her auf dem Sattel. Dem könnte man natürlich ganz einfach entgehen, indem man den Lenker deutlich höher schraubt, aber das war keine Lösung, denn dadurch verliert man noch mehr Zeit, der Kopf muss runter! Logisch, hab auch Vaseline vorm Start in rauhen Mengen eingesetzt, hat alles nicht wirklich viel gebracht.
Im Training war das nicht ganz so dramatisch, da man doch öfter mal am Horn greifen kann. Aber durch längere Einheiten in Aeroposition war ich vorgeschädigt und setzte mich am anderen Tag nur ungern auf das Rad. Fährt man dann nur am Horn, kommt es auch hier bei längeren Einheiten zu Überlastungsproblemen. Vermutlich der Grund, warum ich bis heute wesentlich lieber mit dem Rennrad unterwegs bin und nur im Notfall aufs Triathlonrad steige.
Da meine bessere Hälfte aktuell auch über Sitzprobleme klagte, suchte ich also nach neuen Möglichkeiten und stieß auf ein paar interessante Möglichkeiten, die ISM Adamo-Sättel, den Gen2 von John Cobb, einen Bontrager Hilo und den brandneuen Specialized Sitero.

262 gr. lt. Herstellerangabe

Im Lieferumfang sind 3 Teile, der Sattel und 2 Adapter. Ein kleiner Adapter ist dafür, um das Rad für einen Blitzwechsel in der Wechselzone aufzuhängen. Der andere, ab Werk angebrachte Adapter ist zum Anbringen eines Trinkflaschenhalters. Okay, nur 1 Halter, aber trotzdem: endlich ein Trinkflaschenhalter, der bombenfest hält, dazu sehr aerodynamisch, überzeugt mich. Wenn man überlegt, was spezielle Patente von xlab oder Profile kosten, relativiert sich der Preis für den Sattel auch etwas.

die Halterung für die Wechselzone wiegt um 10gr
der Sattel wiegt 290 gr, Serienstreuung beachten, mein 2. Sitero wiegt ein paar Gramm mehr

Die Halterung, nennt sich Tri-Pod, abzubauen, war gar nicht so einfach, etwas ruckeln und dann mit Gewalt abziehen hilft. Beim 2. mal wird es sicher einfacher.

der Tri-Pod ist mit 3 Schrauben befestigt, ein 2,5mm-Inbus wird benötigt
die 1. Demontage war etwas anstrengend, man hätte meinen können, der Pod wäre gesteckt gewesen, dass man etwas schieben muss: ist aber nicht so, wird nur von den Schrauben gehalten
Tri-Pod und 3 Schrauben
Sattelgewicht ohne Adapter um 250gr, Super!
Tri-Pod wiegt um 40gr

Den Sitero gibt es in 2 Varianten, den Expert, den wir haben und den Pro, der hat keine Titanium-, sondern Carbonstreben und soll noch mal etwa 50gr leichter sein.

Die ISM-Sättel waren auf Hawaii schon auf über 400 Rädern montiert, von daher sicher ein Patent, was man sich ansehen sollte. Viele bemängeln allerdings die Breite von den Adamo, der Sitero hat ein etwas anderes Konzept: vorn recht schmal, dann wird er immer breiter, so soll jeder seine ideale Sitzposition finden.

vorn kaum breiter als ein normaler Rennsattel
der perforierte Bereich ist die Sitzfläche
…der soll auch etwas Halt geben, damit man nicht auf dem Sattel rutscht
an der breitesten Stelle so breit wie ein normaler Rennsattel

Über sehr viele Jahre bin ich den Radical Big Burrito Ganador gefahren, da ich mir einbildete, dass man inzwischen sicher viel bessere Alternativen hatte, legte ich mir auch einen Bestseller zu, den Fizik Arione Tri 2.

Gewicht vom Arione Tri 2: 240gr

Auf englischen Seiten wird die Klemmung des Sitero kritisiert. Durch den Tri-Pod mussten die Sattelstreben weiter vorn angebracht werden, man kann den Sattel also nicht so weit vorn montieren. Das wird allerdings durch den Fakt mehr als ausgeglichen, dass man auf dem Sitero ohnehin viel weiter vorn sitzt als auf einem anderen Sattel. Für mich also kein Nachteil.

oben der Arione, unter der Sitero: ganz vorn angebracht wird der Arione etwa 5-6cm weiter vorn stehen
links Arione, rechts Sitero
nochmal der Vergleich: oben Sitero, unten Arione
von links: Sitero, ein Fizik Vitesse Sport, Arinone Tri 2, Radical Big Burrito Ganador Supremo
von links: Sitero, ein Fizik Vitesse Sport, Arinone Tri 2, Radical Big Burrito Ganador Supremo
links Sitero, rechts Vitesse, Arione und Big Burrito

Der Praxistest:

Nach Anbau bin ich unmittelbar danach mit Badelatschen einen km gerollt: annehmbar, aber mal abwarten!
Dann bin ich 2 Tage hintereinander meine 100km-Standardrunde gefahren, 3:05h und 2:58h, d.h. ich konnte problemlos in Aeroposition fahren. Im Großen und Ganzen wird man sogar in die Aeropostion gezwungen, denn weit nach hinten rutschen und von da extrem lang fahren ist nicht. Schäden nach der 1. Einheit: 0
Schäden nach der 2. Einheit: 0. Überlastungsbeschwerden, Angst davor wieder auf die Maschine zu steigen: 0.
Am 2. Tag kam sogar richtig Freude, sogar Begeisterung auf. Ich war so euphorisch, dass ich nach 2,5h sogar in einen Hungerast fuhr. Wahnsinn, nochmal abwarten, wie es in nächster Zeit läuft, aber den nächsten Ironman werde ich sicher mit dem Sattel absolvieren.
Den Arione Tri2 bin ich öfter mal gefahren, vielleicht auch bei dem ein oder anderen Ironman, aber wenn es kompliziert wurde, bin ich dann doch immer zum Radical Big Burrito gewechselt. Die sehr dicke „Dual-Density“-Polsterung im vorderen Bereich hatte mir immer noch die wenigsten Schmerzen bereitet. Den Radical gab es in vielen verschiedenen Ausführungen, mit verschiedenen Gestellen, mit und ohne Kevlarecken. 15 Jahre lang hab ich die Modelle gefahren, werden seit langem nicht mehr hergestellt. Ich glaub, ich kann aufhören, diese Modelle zu horten.
Noch ein paar Bilder:
der Sitero ist deutlich kürzer als ein normaler Sattel, allerdings konnte man auch beim Arione die Länge des Sattels nicht ausnutzen, dessen außerordentliche Länge empfand ich als Werbegag


gibt es in schwarz und weiß
in schwarz war er momentan leider nicht zu bekommen
für 129 Euro hab ich ihn neu gekauft
der mit Abstand teuerste Sattel, den ich je gekauft habe

Die Adamo-Sättel wollte ich nicht, da sie mir zu breit und zu teuer erschienen. Im Gegensatz zu dem, was der Deutschland-Importeur zum Gewicht von den Sätteln erzählte, konnte ich nirgends halbwegs leichte Adamo-Sättel finden, nur der Racing und der Time Trial scheinen ein akzeptables Gewicht zu haben. Nun ist das Gewicht zweitrangig, wenn man darauf super und beschwerdefrei sitzt, aber hier geht es ums Prinzip: die Sättel kosten fast 200 Euro und haben dann nur ein Cromoly-Gestänge?

das Bild täuscht: man kann die Wasserwaage auf den Sattel legen und ganz gerade positionieren, fährt sich einwandfrei
das Loch ist wohl nur so groß, um Gewicht zu sparen, da hinten sitzt man ohnehin nicht
bombenfest installiert, der Trinkflaschenhalteradapter
ich suche noch nach einem Adapter, der statt einem Halter den Anbau von zweien ermöglicht
der Druck in der Mitte verschwindet ganz bzw. wird breiter verteilt
wenn man zu weit hinten sitzt, stört der Sattel
passiert aber nicht, da man vorn sehr bequem sitzt, kein Sattel stört, die Beine können eng am Oberrohr geführt werden
im Wiegetritt hat man überhaupt keinen Sattel zwischen den Beinen wie es bei der extremen „American Position“ mit anderen Sätteln vorkam
der Adapter für die Blitzwechsel, mal sehen, ob ich ihn überhaupt mal benötige
Bei den ISM Adamo fragte ich mich auch: wird der Kabelbinder gleich mitgeliefert, den der Deutschland-Importeur empfiehlt? Das Konzept beim Bontrager ist ähnlich: wenn die Breite passt, dann dürfte es auch funktionieren. Aber wenn nicht, dann muss man eine Rohrschelle oder Kabelbinder benutzen, denn weiter nach hinten rutschen, bis man den optimalen Punkt gefunden hat ist bei diesen Sätteln nicht möglich.
Pro:
  • American Position praktisch schmerzfrei möglich
  • Gewicht ist in Ordnung, wenn man den Tri-Pod und die damit überflüssige Sonderlösung mitberechnet sogar super
  • kein Trinkflaschenhalteradapter mehr nötig
Kontra:
  • nur ein Trinkflaschenhalter
John Cobb                           
Update 11.09.2013:
Inzwischen ist es für mich auch sehr gut möglich, längere Strecken aufrecht zu fahren. Dank der schmerzfreien Aeroposition ist das aber nicht nötig. Meine Lebensgefährtin Diana kommt aufrecht und in Aeroposition sehr gut mit dem Sattel zurecht, ist sogar noch begeisterter als ich. Das Konzept eines einzigen Sattels für Männer und Frauen passt also. Sicher ist die Auswahl des Sattels auch eine individuelle Sache, aber insbesondere für Leute mit sehr großer Sattelüberhöhung und dementsprechend auch oft großen Schmerzen ist der Sitero einen Versuch wert. Selbst gehe ich soweit, dass mich der Sattel nicht nur schmerzfreier, sondern auch deutlich schneller fahren lässt. Manko ist momentan, dass er in Deutschland kaum zu bekommen ist, online nur bei Bike24 und das auch nur in weiß.

Update 20.11.2013:
Das Ironman-erprobte Patent mit 2 Haltern gibt es hier: http://triathlet-inside.blogspot.de/2013/11/sitero-goes-tacx-goes-profile-design-vs.html

Bike24 Welt

4 Antworten auf „Test: der Triathlon-Sattel Specialized Sitero Expert“

  1. sehr schöner bericht, hast du schon eine möglichkeit gefunden einen 2. flaschenhalter zu montieren? wäre es bei montage des tri-pod + flaschenhalter dennoch möglich eine satteltasche für werkzeug an den rails des sitero zu montieren? und (letzte frage 😉 ist es möglich unter den flaschenhalter einen luftpumpenhalterung zu schrauben?

  2. Ja, ich habe eine Möglichkeit gefunden einen 2. Flaschenhalter zu montieren, es funktioniert sehr gut mit einem getunten Tacx-Flaschenhalter, hat auch schon einen Ironman gehalten, Fotos folgen. Um Werkzeug und Pumpe anzubringen müsste man tüfteln. Selbst nehme ich im Training eine abgeschnittene Trinkflasche als Satteltasche, beim Ironman nehme ich inzwischen nur noch ein Vittoria Pitstop auf dem Oberrohr mit.

    1. Ja, tschuldigung, hat lang gedauert. Die ursprünglichen Fotos sind irgendwo im Festplatten-Nirvana untergetaucht, da hab ich mal neue Fotos gemacht, von der Herstellung zwar keine, aber ich denke, es ist ausreichend. Da ich vorn auf dem Lenker noch das Modell Abschussrampe mit Kabelbindern montiert habe, habe ich im Training insgesamt 4 Trinkflaschenhalter, da opfer ich dann einen für Gerödel, ich schraub da nichts mehr an.

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